Das ganze Leben ist Marketing. Schminke im Gesicht, antrainierte Muskeln, die im Alltag eigentlich nicht benötigt werden, Allgemeinplätze à la „Wie geht es Ihnen?“, Tätowierungen über dem Steißbein, Öko-Aufkleber auf umweltverpestenden VW-Bussen, Hexenjagd auf Raucher in einem Staat, der das Kyoto-Protokoll munter mit Füßen tritt, Anglizismen und Worthülsen wie „Am Ende des Tages…“, ein Ehering und Kinder mit Benetton-Mützchen.
Marketing ist ein Prinzip, das sich der Mensch – wie alles andere – von der Natur abgeschaut hat. Schließlich ist auch die weithin angenehmste Nebensache der Welt, die Sexualität, nichts weiter als ein Marketing-Trick der Natur, die uns hier im Gegenzug für die Sicherung ihres Fortbestandes jenes Glücksgefühl verkauft.
Seit 17 Jahren, die ich als Creative Director in verschiedenen Agenturen, als Marketingleiter auf der Gegenseite, als Berater in den verschiedensten Branchen und als Medienschaffender für Film, Funk und Fernsehen verbingen musste, bin ich stets bemüht, diesem Urprinzip des Marketings auf die Spur zu kommen. Und beharrlich auf ihr zu bleiben. So entstand die wahnwitzige, aber dennoch zunehmend erfolgreicher angewandte Theorie, dass Marketing tatsächlich echtes Kulturgut, eine Bereicherung und Veredlung des Alltags sein kann.
Selbstverständlich ist die Durchsetzung eines so nüchternen, ehrlichen und ambitionierten Ansatzes zwar beim Konsumenten, nicht aber im Umfeld der dampfplaudernden, Prosecco-seeligen Designerbrillen-Träger und Demoskopie-Akrobaten der Marketing-Industrie sonderlich beliebt. Ich muss jedoch gestehen, dass mir gerade der Nimbus des Nestbeschmutzers zunehmend diebische Freude bereitet, je mehr sich diese Unbranche über meine Publikationen und den ein oder anderen Erfolg meiner Projekte echauffiert. Zumal ich jährlich mindestens einmal beim Anwalt sitze, um mich über Plagiatsprozesse zu beraten, weil selbst den „Großen“ kaum noch mehr einfällt, als mich und andere meiner Art frech zu kopieren.
Das vorliegende Bilderbuch soll a) einige dieser Abenteuer in der Welt des unschönen Scheins und b) von einigen der erfolgreicheren Beispiele der erwähnten Alternative so unterhaltsam wie möglich erzählen.
Und ich verspreche – beim Grabe des guten Geschmacks – dass nichts ausgelassen, nichts hinzugefügt wurde und sämtliche Ähnlichkeiten mit lebenden und nur noch formal lebenden Personen durchweg beabsichtigt sind…
München, AD 2007


